
Exekutive Funktionen bei Kindern mit Wahrnehmungsstörungen – Wenn Planen, Fokussieren und Dranbleiben schwerfallen
Kinder mit Wahrnehmungsstörungen stehen im Alltag oft vor besonderen Herausforderungen. Während ihre Schwierigkeiten auf den ersten Blick „nur“ die Sinneswahrnehmungen – wie Hören, Sehen, Körperwahrnehmung, Gleichgewichtssinn und Tastsinn – zu betreffen scheinen, zeigen sich die Auswirkungen häufig auch im Bereich der exekutiven Funktionen, also jener geistigen Fähigkeiten, die für Planung, Selbststeuerung und zielgerichtetes Handeln zuständig sind.
Doch was genau bedeutet das? Und warum hängen Wahrnehmung und exekutive Funktionen so eng zusammen?
Was sind exekutive Funktionen?
Exekutive Funktionen sind kognitive Steuerungsprozesse, die vor allem im Frontallappen des Gehirns angesiedelt sind. Sie ermöglichen es Kindern:
- Impulse zu kontrollieren
- Aufmerksamkeit zu steuern
- Handlungen zu planen und zu organisieren
- Arbeitsaufträge im Gedächtnis zu behalten (Arbeitsgedächtnis)
- flexibel auf Veränderungen zu reagieren
Diese Fähigkeiten entwickeln sich über viele Jahre hinweg – vom Kindergartenalter bis ins junge Erwachsenenalter.
Wahrnehmungsstörungen – mehr als „nur“ Sinnesprobleme
Wahrnehmungsstörungen betreffen die Verarbeitung von Sinnesreizen. Das kann beispielsweise bedeuten:
- Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen
- Probleme bei der visuellen Unterscheidung
- Schwierigkeiten bei der Körper- oder Lagewahrnehmung
- Gleichgewichtsprobleme
- taktile Unter- oder Überempfindlichkeit
- Reizüberflutung in lauten oder unstrukturierten Umgebungen
Das Gehirn muss eintreffende Sinnesinformationen filtern, sortieren und bewerten. Wenn diese Prozesse nicht reibungslos funktionieren, wird ein Großteil der mentalen Energie bereits für die reine Reizverarbeitung verbraucht. Für Planung, Selbststeuerung und Konzentration bleibt dann weniger Kapazität.
Typische Probleme im Bereich exekutiver Funktionen
Kinder mit Wahrnehmungsstörungen zeigen häufig Auffälligkeiten in folgenden Bereichen:
1. Aufmerksamkeitssteuerung
Sie lassen sich leicht ablenken – entweder, weil sie auf jeden Reiz reagieren oder weil sie bestimmte Reize kaum wahrnehmen. In der Schule wirkt das oft wie Unkonzentriertheit, obwohl das Kind stark bemüht ist.
2. Impulskontrolle
Reizüberflutung kann zu impulsivem Verhalten führen. Manche Kinder reagieren schnell und heftig, andere ziehen sich abrupt zurück. Die Selbstregulation ist in stressreichen Situationen besonders eingeschränkt.
3. Planung und Organisation
Hausaufgaben strukturieren, Materialien bereitlegen oder mehrschrittige Anweisungen umsetzen – all das erfordert exekutive Kontrolle. Wenn Wahrnehmung und Arbeitsgedächtnis belastet sind, geraten solche Aufgaben schnell durcheinander.
4. Arbeitsgedächtnis
Wird ein Kind ständig durch innere oder äußere Reize abgelenkt, fällt es schwer, Informationen „im Kopf zu behalten“. Anweisungen werden vergessen oder nur teilweise umgesetzt.
5. Kognitive Flexibilität
Veränderungen im Ablauf können starken Stress auslösen. Übergänge – etwa vom Spielen zum Aufräumen – fallen besonders schwer.
Der Teufelskreis im Alltag
Oft entsteht ein belastender Kreislauf:
- Reizüberflutung oder Wahrnehmungsprobleme
- Überforderung der exekutiven Funktionen
- Misserfolge oder Konflikte
- Stress und emotionale Belastung
- Noch geringere Selbststeuerung
Von außen wird das Verhalten manchmal als „unwillig“, „chaotisch“ oder „unmotiviert“ interpretiert. Tatsächlich handelt es sich jedoch häufig um eine neurologische Überlastung.
Abgrenzung zu ADHS
Probleme in den exekutiven Funktionen werden häufig mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Verbindung gebracht. Tatsächlich überschneiden sich viele Symptome. Allerdings können auch Kinder ohne ADHS-Diagnose – etwa mit isolierten Wahrnehmungsstörungen – ähnliche Schwierigkeiten zeigen.
Eine sorgfältige Diagnostik ist daher entscheidend, um gezielte Unterstützung zu ermöglichen.
Unterstützungsansätze im Alltag
Eine gezielte Förderung kann helfen, exekutive Funktionen zu stärken und Überforderung zu reduzieren:
Struktur schaffen
- Klare Tagesabläufe
- Visualisierte Pläne
- Feste Rituale
Reizreduktion
- Ruhiger Arbeitsplatz
- Geräuschdämpfende Maßnahmen
- Reduzierte visuelle Ablenkung
Aufgaben kleinschrittig gestalten
- Kurze, eindeutige Anweisungen
- Große Aufgaben in Teilschritte zerlegen
Selbstregulation trainieren
- Bewegungsangebote
- Entspannungsübungen
- Strategien zur Gefühlsregulation
Positive Rückmeldung
Erfolge bewusst wahrnehmen und benennen – auch kleine Fortschritte sind bedeutsam.
Fazit
Exekutive Funktionen und Wahrnehmungsverarbeitung sind eng miteinander verknüpft. Wenn Kinder Sinneseindrücke nur schwer filtern oder verarbeiten können, wirkt sich das unmittelbar auf ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung aus.
Statt vorschnell mangelnde Motivation oder fehlende Disziplin anzunehmen, lohnt sich ein genauer Blick auf die zugrunde liegenden Prozesse. Mit Verständnis, Struktur und gezielter Unterstützung können Kinder mit Wahrnehmungsstörungen lernen, ihre exekutiven Fähigkeiten Schritt für Schritt zu stärken – und dadurch mehr Sicherheit und Selbstvertrauen im Alltag zu gewinnen.
