HOCHSENSIBILITÄT

Hochsensible Kinder und Jugendliche nehmen ihre Umwelt viel deutlicher und intensiver wahr, im Vergleich zu anderen Kindern und Jugendlichen.

Die emotionale Intelligenz ist in der Regel bei diesen Kindern und Jugendlichen hoch. Sie sind empathisch, intuitiv, können sich in andere Menschen gut einfühlen. Sie können die Emotionen der anderen Menschen spüren. Typisch ist eine sehr hohe Kreativität und eine sehr reiche Fantasiewelt. Diese Kinder und Jugendlichen können sich sprachlich sehr gut ausdrucken.  Sie sind besonders neugierig und interessieren sich meistens für viele Themen, sind vielseitig. Sie können sehr gut Zusammenhänge verschiedener Bereiche vernetzen und davon hilfreiche Schlüsse ziehen.

Die Wahrnehmung mit allen Sinnen ist sehr intensiv. Sie sehen und hören alles. Sie sind sehr geruch-, geschmack- und geräuschempfindlich. Sie tendieren zu verschiedenen Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien. Die Kälte-, Wärmeempfindlichkeit kann auch stark ausgeprägt sein. Hohe Schmerzempfindlichkeit kommt auch bei vielen vor.

Emotionale Erlebnisse werden lange danach bearbeitet und detailliert, wiederholt im Kopf durchgespielt. Die Begeisterungsfähigkeit ist ebenfalls sehr stark entwickelt. Stereotyp im Leben und eintönige Arbeiten/Aufgaben sorgen für Unzufriedenheit, Unterforderung und innere Unruhe. Es scheint so zu sein, dass der innere Antrieb diese Menschen ständig weitertreibt. Nichts Sinnvolles zu tun oder die Langeweile macht sie sehr unrund und unzufrieden.

Sie können sich in ihre Arbeiten/Projekte/Aufgaben sehr vertiefen, sie werden perfekt erledigt. Kleine Details werden gesehen. Mit oberflächlichen Ergebnissen und Erledigungen, die schnell gemacht werden, sind sie nicht zufrieden. Nachdem sie hohe Erwartungen an sich selbst haben und alles genau und detailliert machen wollen, geraten sie schnell in Stress. Weil sie nicht oberflächlich arbeiten können, brauchen sie meistens mehr Zeit zum Erledigen aller Dinge auf dem Niveau, das ihren Vorstellungen entspricht. Der zeitliche Druck erhöht den Stress.  

Hochsensible Kinder interessieren sich sehr bald für tiefgründige Themen, sie fragen nach dem Leben und Tod (Warum bin ich da? Was ist nach dem Tod? Warum sind so viele Gräber auf dem Soldatenfriedhof? Ist das Universum unendlich?).

Sie können nicht gut wichtige Sachen von unwichtigen trennen/filtern, nachdem ihre Gehirne, im Vergleich zu normal sensitiven Menschen, größere Mengen an Informationen als wichtig einstufen. Es kommt sehr schnell zu Reizüberflutung. Das kann zu Konzentrationsproblemen führen.  Vieles in der Umgebung ist so interessant. Es lenkt sie alles mögliche ab. Es ist ratsam, diesen Kindern und Jugendlichen eine ganz ruhige Umgebung zum Lernen zu schaffen, wo sie von den vielen Eindrucken und Reizen nicht überwältigt werden können. Sehr wichtig ist auch die Ordnung, das System, die Struktur und der Zeitplan, weil sie sehr schnell in ein Chaos geraten oder in Gedanken und Träumen hängen bleiben.

Sie haben öfters ein auditives Wahrnehmungsproblem. Das bedeutet z. B., dass sie in lauter Umgebung Wörter, Sätze nicht gut heraushören können. Der Grund dafür ist, dass sie die Außenreize (Lärm) nicht ausschalten können, was bei anderen Menschen mit normaler Sensibilität kein Problem darstellt. Das verursacht den Hochsensiblen zusätzlichen Stress.

Sie sind eigenverantwortlich und streben nach Unabhängigkeit. Der Gerechtigkeitssinn ist stark ausgeprägt. Sie sind sehr nachdenklich. Es ist ihnen schon im Kindesalter bewusst, dass sie anders sind. Sie fühlen sich oft von der Umgebung nicht verstanden. Sie ziehen sich gerne in ihre eigene Welt zurück. Die Mehrheit von ihnen ist dadurch introvertiert. Im Jugendalter fühlen sie sich geistig viel älter und reifer als Gleichaltrige. Probleme und Interessen von Gleichaltrigen können ihnen leichtsinnig, unwichtig und oberflächlich vorkommen. Die Schönheit und die Kunst empfinden und erleben sie sehr intensiv. Die Kunst und der kreative Ausdruck (Musik, Tanz, Theater, Literatur, Malerei,…) bringt die meisten Hochsensiblen in ihre Welt, zwischen die feinfühligen Menschen, auf höhere Frequenzen, wo sie sich gut, sich verstanden und geborgen fühlen.

Die Fähigkeit die Energien und die Stimmungen anderer Menschen aufzusaugen, kann ihnen große Schwierigkeiten bereiten,… vor allem dann, wenn sie sich viel in einer negativen Umgebung befinden. Es zieht sie nach unten. Sie fühlen sich nicht gut. Es ist sehr belastend und erschöpfend für sie. Es kostet sie viel Energie. Im Gegensatz dazu tut es ihnen besonders gut, wenn sie sich zwischen anderen Hochsensiblen bewegen. Ein hochsensibles Kind wird sich automatisch mit einem anderen Hochsensiblen gut verstehen. Solche Freundschaften sind sehr wertvoll.

Die Hochsensibilität ist angeboren. Sie kann nicht abgelernt oder abgeschwächt werden. Sie kann im Laufe des Lebens nur stärker werden. Es ist eine Gabe, ein Geschenk. Das Leben mit dieser Gabe ist nicht immer leicht und wird von Menschen mit durchschnittlicher Sensibilität meistens auch nicht verstanden. Das kann auch dazu beitragen, dass sich diese Kinder/Jugendlichen zurückziehen, zunehmend immer introvertierter werden und das Selbstbewusstsein nicht genügend stark entwickeln. Die Mehrheit der Hochsensiblen ist introvertiert (ca. 30% sind extrovertiert). Es ist sehr wichtig, dass sich ihre Eltern mit diesem Thema auseinandersetzen und ihre Kinder so annehmen und akzeptieren, wie sie sind. Für hochsensible Kinder selbst, spätestens im Jugendalter, ist das Verstehen des eigenen „Anders sein“ unter dem Begriff Hochsensibilität eine große Hilfe und Erleichterung. Das bewusste Annehmen dieser Veranlagung und das Erlernen den Profit daraus zu ziehen ist eine wichtige Aufgabe für das ganze Leben, an der man schon im Jugendalter zu arbeiten beginnen kann.

Sehr hilfreich wäre schon als Jugendlicher zu lernen, Abstriche zu machen, im eigenen Perfektionismus nachzulassen. Das Bewusstsein, das alles nicht immer ganz genau und ganz perfekt sein muss, hilft sich vor Überforderung und vor dem Stress in der Schule und später in der Arbeit und im täglichen Leben zu schützen. Der Stress trägt zu Verspannungen bei. Im eigenen Tempo leben zu dürfen wäre ein großer Vorteil.  Hochsensible Kinder und Jugendliche müssen bald lernen auf die eigenen Bedürfnisse des Körpers und der Seele zu achten und sich selbst genügend Pausen, Entspannungsaktivitäten (z. B. Yoga, Meditation, Sport, Kunst, …) und Schlaf gönnen. Ständige Überlastungen führen zu verschiedenen körperlichen und psychischen Krankheiten. In dieser hektischen Welt führt ein langer Weg zur Ruhe, Lockerheit und Ausgeglichenheit, die diese Kinder und Jugendlichen besonders brauchen, um ein zufriedenstellendes Leben zu erreichen.

Wie bei allen Wahrnehmungsbereichen ist die Ausprägung der Hochsensibilität von Kind zu Kind/Jugendlichem unterschiedlich stark. Manche sind leicht hochsensibel, die anderen sind hoch hochsensibel. Es ist klar, dass die oben beschriebene Zusammenfassung oder Beschreibung nicht 100% bei allen Hochsensiblen zutrifft.  Geschätzt sprechen wir von ca. 20 % der Kinder und Jugendlichen, die Hochsensibilität betrifft. Die hochbegabten Kinder sind immer auch hochsensibler. Es sind ca. 1/10 allen hochsensiblen Kindern und Jugendlichen offiziell als hochbegabt anerkannt (IQ-Tests). Künstlerische, soziale und emotionale Hochbegabungen berücksichtigen die IQ-Tests nicht.

Wie erkenne ich ein hochsensibles Kind/Jugendlichen?

Test für Kinder nach Elaine Aron:

Treffen mehr als 13 Merkmale zu, gehört Ihr Kind laut der Psychologin Elaine Aron vermutlich zur Gruppe hochsensibler Kinder. Der Fragenkatalog stammt aus dem Buch «Das hochsensible Kind», erschienen im MVG Verlag, 2008. 

  • Ihr Kind hat einen klugen Sinn für Humor.
  • Ihr Kind stellt tiefgründige Fragen, die nachdenklich stimmen.
  • Ihr Kind hat für sein Alter einen ungewöhnlich gehobenen Wortschatz.
  • Ihr Kind erschrickt leicht.
  • Ihr Kind hat eine empfindliche Haut, verträgt keine kratzenden Stoffe, keine Nähte oder Etiketten.
  • Ihr Kind scheint sehr einfühlsam zu sein.
  • Ihr Kind bemerkt, wenn andere unglücklich sind.
  • Ihr Kind mag keine Überraschungen.
  • Ihr Kind hat ein intensives Gefühlsleben.
  • Ihr Kind ist geruchsempfindlich, sogar bei sehr schwachen Gerüchen.
  • Ihr Kind profitiert beim Lernen eher durch sanfte Belehrung als harte Strafe.
  • Ihr Kind hat Mühe mit großen Veränderungen.
  • Ihr Kind bevorzugt leise Spiele.
  • Ihr Kind ist sehr schmerzempfindlich.
  • Ihr Kind scheint Ihre Gedanken lesen zu können.
  • Ihr Kind stellt viele Fragen.
  • Ihr Kind kann nach einem aufregenden Tag schlecht einschlafen.
  • Ihr Kind findet nasse oder schmutzige Kleidung unangenehm.
  • Ihr Kind ist lärmempfindlich.
  • Ihr Kind ist ein Perfektionist.
  • Ihr Kind denkt über mögliche Gefahren nach, bevor es ein Risiko eingeht.
  • Ihr Kind erzielt die beste Leistung, wenn keine Fremden dabei sind.
  • Ihr Kind registriert Details (Veränderungen in der Einrichtung oder im Erscheinungsbild eines Menschen usw.).